Der Weg einer „Weihnachtsschachtel“

Persönliches von Hedy Obermayer

„Also, ich bin eine Weihnachtsschachtel aus Resten, na, damit ich euch halt ins Auge falle. Jetzt möchte ich euch einmal von unserem langen Weg bis zu Euch erzählen, usw.; deshalb, weil viele fragen, warum wir diese Schachteln nicht wieder einsammeln und weiter verwenden.

Also, erst werden wir irgendwo gepresst, gefaltet usw. Dann werden wir zur Schuhfabrik gebracht, wo wir gefüllt werden. Wir in dieser Größe tauchen zur Mehrzahl erst im Herbst auf, weil da die größeren Schuhe in die Geschäfte kommen, wie die Bergschuhe oder Stiefeletten etc. Deshalb werden viele von uns im Keller bis zum nächsten Jahr gelagert, weil die Werkstatt natürlich früh zu arbeiten beginnen muss.

So, die gefüllten Schachteln werden dann zum Beispiel nach Wien geliefert. Eine Gegend wo fast keiner wohnt, aber dort ist ein Riesenlager neben dem anderen, mit Marken, die ihr alle kennt. Das hat sich unsere Werkstadt einmal angeschaut und natürlich etwas Gutes für die Leiterin dort mitgebracht. Schließlich muss man sich die Wege offen halten!

Von dort wird die Ware also verteilt. Also wieder verladen. Dieses Wort sollt ihr Euch einmal merken! Im September macht sich die Werkstatt wieder in Schwaz und Schlitters bemerkbar (in Telfs war sie auch einmal bei einem Engpass, aber da war man nicht so entgegenkommend). Die wissen schon Bescheid und sind sehr nett. Sie bekommen auch immer etwas Gutes am Ende, damit sie uns gewogen bleiben. Sie machen im Geschäft einen Turm mit unseren leeren Schachteln, die die Werkstatt halt laufend abholt und in den Keller stellt, wo die vom letzten Jahr übriggebliebenen warten.

Jetzt kommt die Frage mit dem Weihnachtspapier. Das muss man alles schon im Vorjahr kaufen, weil – wo, bitte bekommt man dies schon im September? Noch dazu kann die Werkstatt nur Rollen mit 5 Meter und 10 Meter x 70 Zentimeter kaufen, sonst bleiben zu viele Reste übrig. Und überhaupt soll es nicht zu teuer sein. Da rennt man schon von Händler zu Großhändler. Heuer sind die Rollen teilweise um einen ganzen Euro teurer. Und 50 Stück mit 10 Meter brauchen wir. Auch 4 Riesenflaschen Klebstoff brauchen wir. Das Personal muss dann noch das Krippenbild, den Zettel, wo drauf steht, was man überhaupt hineintun darf und noch das Weihnachtsevangelium 350-fach drucken.

Übrigens, weggeworfen wird bei uns gar nichts. Die Reste bzw. die vielen Streifen Papier und die Rollen, wo es darauf gewickelt war, die werden in den Kindergärten verteilt, die haben die größte Freude damit.


Und jetzt erzähl ich Euch wie es einmal beinahe zu einem Stop kam. Plötzlich hieß es im Geschäft, sie dürfen keine Schachtel mehr hergeben. Aber da wurde die Werkstadt wild. Der alte Herr Deichmann in Deutschland (Gott hab ihn selig!) war nämlich als sehr sozial bekannt. Also bekam er von der Werkstatt einen netten Brief, dass man seine Schachteln hier unbedingt braucht. Und prompt kam die Antwort, dass St. Barbara natürlich jederzeit diese holen kann. Ich kann mir das Gesicht der Leiterin in Innsbruck nach dem Hinweis vom obersten Chef gut vorstellen. Und wisst ihr warum das so war? Wie diese großen Geschäfte verpflichtet sind, der riesigen Papierentsorgungsfirma eine gewisse Menge Papier bzw. Kartons zu übergeben. Und da wären ihnen unsere Schachteln abgegangen. Ich kann es mir nicht vorstellen, aber bitte, es ist ja gut ausgegangen.


Also jetzt kann die Arbeit langsam losgehen.

Wir kommen jetzt vom Keller laufend in die Wohnung. Der Tisch wird für die nächsten 2 Monate bespannt mit Packpapier wegen der Kleberei.

Los geht’s! Man hat schon zu tun mit dieser Menge von rund 350 Schachteln. Aus 10 Meter bekommt man 8 Stück heraus. Jede von uns ist ein bisschen verschieden, also wird jede einzeln aufgezeichnet, ausgeschnitten und später geklebt. Da braucht man bei höchster Geschwindigkeit 3-4 Stunden.

Und wieder geht’s in den Keller, aber im schönen Kleid! Allerheiligen, wenn es kalt wird, kommen die Flügeltüren für den Kirchgang aus einem Kammerl hier in der Kirche heraus, dann haben wir endlich Platz. Da kommt der Toni mit seinen fleißigen Söhnen und einem Auto und verliefert einen Großteil hierher.

Und dann kommt der heutige Tag. Hier lieg ich jetzt und bitte euch von Herzen uns zu füllen. Ihr wisst, dass wir im Gefängnis landen – schon seit vielen Jahren. Freilich haben die Leute dort etwas angestellt, aber irgendwie sollte man halt zu Weihnachten doch jemanden eine Freude machen. Wenn man sich vorstellt, dass die Leute dort zu sechst in einer Zelle hocken, mit einer Stunde Ausgang und viel zu wenig Beschäftigung, das können wir uns gar nicht vorstellen. Dabei sind in Innsbruck mindestens 500 Leute untergebracht! Um die meisten kümmert sich doch keiner. Ihr wisst aber alle, dass unser Pfarrer jeden letzten Donnerstag im Monat hinauffährt und Wunder wirken soll.

Deshalb sind die Schachteln auch gleich groß, sonst gibt es sicher Neid. Und dort gibt es sicher einen Stärkeren und einen Schwächsten.

Bitte sagt weiter, damit wir heuer wieder mehr Schachteln gefüllt zurück bekommen. Danke in den Himmel aufi und nimmer obi! Wir wissen schon, dass es nicht billig ist und schätzen Eure Freigiebigkeit sehr.

Ja, und jetzt geht die Verladerei wieder weiter. Ihr nehmt uns mit, manche Schulklassen und Firmen mit Sachspenden beteiligen sich; die Moschee nimmt immer 20 und halt alle, die ein großes Herz haben. Der Herr Pfarrer nimmt die weitesten Wege auf sich, damit wir nicht immer dieselben Leute ansprechen müssen. Er hat ja sonst nichts tun!? So kommen wir immer wieder vom Kammerl zum Büro hinüber. Dann geht’s zu Euch heim und wieder zurück. Hier wird noch in uns hineingeschaut, ob wir wirklich ganz voll sind, sonst wird halt etwas dazu gepackt. Dann geht’s wieder zum Kammerl bis zum großen Tag der Pyramide am 3. Adventsonntag. Das ist vielleicht ein toller Anblick – ein Berg von Großzügigkeit!

Ja, und dann werden wir wieder verladen. Zu einer Zwischenstation, in Wilten oder sonst wo. Erst vor Weihnachten, da werden wir wieder verladen – dann geht’s zum Gefängnis. Dort wird in jede Schachtel genau hineingeschaut – es könnte ja eine Feile zum Tunnelgraben oder selbstgebackene Kekse mit Suchtgiftfüllung drin sein. Und dann werden sie verteilt, wo keiner von Euch dabei sein wird. Aber wir hören immer wieder vom Gefängnisgeistlichen, dass damit eine große Freude verbunden ist. Das sollte uns genügen.

Aber jetzt könnt ihr euch vorstellen, dass wir nach dieser langen Reise nächstes Jahr bestimmt nicht mehr salonfähig wären!

Also nochmals – viele Dank an jeden, der im Laufe der nächsten Zeit eine von uns mitnimmt und sie füllt oder gar jemand anderen dazu bringt da mitzumachen. Und ich hoffe, dass keine von uns leer wieder bis zum nächsten Jahr in den Keller muss. Vielen Dank!“



Soweit ein bemerkenswerter, ganz persönlich gehaltener Bericht von Hedy Obermair über das „Leben“ einer Weihnachtsschachtel, die mit fleißiger Händearbeit entstanden ist.

OAR Hans Sternad
Chronicus
21. Oktober 2021